Ein starke Frau auf der Spur eines Betrugs, der von West nach Ost führt

„I don’t mind a reasonable amount of trouble“, sagt Sam Spade in Dashiell Hammetts „Der Malteser Falke“. Ein Ausspruch, der genauso gut von Ian Hamiltons Heldin Ava Lee stammen könnte.

Ava Lee, eigentlich Wirtschaftsprüferin aus Toronto mit chinesischen Wurzeln, beschafft für Kunden Geld wieder. Sie und ihr Partner in Hongkong, den sie respektvoll „Onkel“ nennt, übernehmen die besonders schwierigen Fälle, wobei Avas detektivischer Spürsinn und Onkels weitreichendes Beziehungsnetzwerk gefragt sind.

Eigentlich möchte sich Ava von diesem nervenaufreibenden Job eine Ruhepause gönnen. Deshalb überlegt sie, ob es nicht auch noch andere Dinge gibt, die sie mit ihrem Leben anfangen könnte. Vor allem weil ihre Arbeit häufige Reisen erfordert und sie so immer längere Zeit von ihrer Lebensgefährtin Maria getrennt ist. Doch die Pause fällt ins Wasser, da ihre Mutter ihr ungewollt einen Job vermittelt. Jennie Lee bringt sie mit einer Bekannten zusammen, die mit einer Gruppe Freunde Geld in eine vermeintlich sichere Anlage investiert hat – und nun sind Banker samt Bank verschwunden.

Der Fall führt Ava von Toronto über Hongkong und Ho-Chi-Minh-Stadt schließlich in die indonesische Provinzstadt Surabaya. Neben den Erkenntnissen im Rahmen des Falles kommt auch das Lokalkolorit in keinem der Länder zu kurz, sowohl was Landschaft als auch Geschichte und die Menschen vor Ort betrifft. Der Leser merkt, dass der Autor Ian Hamilton, selbst Kanadier, lange in Asien gelebt hat. Diese Einsprengsel lassen Ava nicht nur durch unbekannte Ort eilen, sondern man fühlt sich heimisch und versteht auch die Hauptfigur Ava besser, die in Kanada in einer chinesischen Familie aufgewachsen ist und so immer zwischen beiden Kulturen steht.

Die Geschichte wird aus Avas Perspektive erzählt, aber in der dritten Person. Die Distanz zur Figur, die dadurch geschaffen wird, ist typisch für den Stil der hardboiled Krimis, zu denen dieser zählt. Er lässt die Figur noch unabhängiger und härter erscheinen. Jedoch ist Ava nicht alles egal, und so wird diese Distanz immer dann unterwandert, wenn es um Personen geht, die ihr nahestehen, indem dann auch persönliche Eindrücke von Ava geschildert werden. So zu, Beispiel, wenn es um Avas Mutter geht, die sie zwar anstrengend finde, jedoch aber auch bewundert. Und natürlich bei Onkel, der für sie eher eine Vaterfigur als einen Geschäftspartner darstellt.

Als es in der Mitte der Geschichte zu einem für Ava traumatischen Vorfall kommt, löst sich die Distanzierung kurzzeitig auf und der Leser erlebt Avas Verletzlichkeit. Ihre Erholung wird sprachlich dadurch nachgezeichnet, dass sie die Distanz wieder aufbaut, wenn diese auch aufgrund des Vorfalls rissiger bleibt.

Ava fasziniert, und gerne folgt man ihr durch die Geschichte. Sie ist ein starker Charakter und nicht nur eine vermeintlich starke Frau, die am Ende doch wieder von einem Prinzen gerettet werden muss. Ava braucht keine Prinzen, doch sie kennt ihre Schwächen und ist sich sehr wohl der Bedeutung von Familie und Freunden bewusst. Es ist erfreulich, dass der Verlag Krug & Schadenberg sich entschieden hat, die Reihe von Ava Lee weiter zu übersetzen.

Fazit: Vom Stil her ein klassischer hardboiled Krimi mit einer ungewöhnlichen Heldin, die sehr facettenreich geschildert wird. Definitiv eine Leseempfehlung!

Hamilton, Ian
Krug & Schadenberg Verlag
ISBN/EAN: 9783959170130
19,90 € (inkl. MwSt.)