Sarah Perry: Die Schlange von Essex

Wir schreiben das Jahr 1893 und befinden uns in London. Cora Seabourne verliert ihren Mann. Dieser war deutlich älter als sie, unnachgiebig und dominierend, weswegen die Witwe nur wenig trauert und stattdessen vielmehr ihre neue Freiheit genießt. Gemeinsam mit ihrem Sohn und ihrer Gesellschafterin Martha will sie London verlassen. Cora ist begeistert von den Entdeckungen Charles Darwins und möchte die unterschiedlichen Erdzeitalter erforschen. Stets auf der Suche nach Versteinerungen zieht es sie nach Essex, wo sie von der „Schlang von Essex“ hört, einem Ungetüm, das die Grafschaft regelmäßig heimsuchen soll. Cora will diesem Mythos auf den Grund gehen.

Doch auch wenn Cora und ihre Geschichte der Ausgangspunkt des Romans sind, so ist sie nur eine der Hauptfiguren. Nach dem Tod ihres Mannes lernt sie den ehrgeizigen Arzt Luke Garrett kennen, der mit neuen Operationsmethoden die Medizin revolutionieren will. Und in Essex trifft sie auf Pfarrer Ransome und seine Familie, deren Geschichten in die von Cora einfließen, zeitweise die Oberhand gewinnen und dann wieder Raum für andere Figuren machen.

Der Roman gleicht einer Decke mit unterschiedlichen, sich wiederholenden Mustern. Er erzählt Episoden aus den Leben jeder der Figuren – manchmal alltägliche Kleinigkeiten, manchmal lebensverändernde Episoden –, und immer, wenn der Leser in die Welt einer Person eingetaucht ist, ändert sich das Muster und eine andere Figur übernimmt. So taucht er tief in unterschiedliche Lebenswelten der damaligen Zeit ein. Und ihm wird nie langweilig.

Einziger Nachteil dieser Methode ist, dass kein Platz bleibt, die Figuren in ihrer Tiefe auszuloten. Jede für sich ist interessant und ein Querdenker in ihrer Gesellschaft, aber immer, wenn man ihr näher kommt, wechselt die Perspektive. Somit wird das Buch zu einem vielseitigen, schillernden Bild der damaligen Zeit und unterschiedlicher Charaktere, die sich in ihr behaupten. Aber psychologische Erklärungen für die Motivation der Figuren bleiben weitestgehend außen vor.

Bemerkenswert ist der Schreibstil der Autorin, der auch in der Übersetzung fesselt. Dass das Buch den britischen Buchpreis gewonnen hat, lässt sich insbesondere auf die elegante und feinfühlig verwendete Sprache zurückführen.

Fazit: Eigentlich kein Roman, sondern eine Reihe von Erzählungen, die den Leser fesseln und ein Bild der Epoche zeichnen. Wer das sucht, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.

Perry, Sarah
Eichborn
ISBN/EAN: 9783847900306
24,00 €